Endstation: Griechenland

Vom Abschieben zurück, Flüchten nach und Überleben in Griechenland. Konstantins Notizen eines Reisestipendiums. Namen&Zahlen sind zum Schutz der Personen geändert. (folg mir: twitter.com/knstntn)
Mar 24
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Petrou Ralli (die zweite).

Freitag. Nicht dass mein Reisekleiderschrank groß wäre. Also fällt die Wahl leicht. Die graue unverwüstbare G-1000-Hose, meine treue Begeleiterin seit vielen Jahren. Eines von den schwarzen Poloshirts. Schwarzer Pulli, schwarze Jacke. Die Tasche gepackt, sicherheitshalber (darf ich vorstellen: die Paranoiastimme. Und sie wird kräftiger.) das mittelmäßig aufgebohrte Erste-Hilfe-Kit hineingesteckt. Wenn ich schon fast nichts kann, zu irgendwas ist diese Rettungsmedizin-Ausbildung doch hilfreich. Kamera. Akkus geladen? Check. Speicherkarten an Bord? Check. Linsen sauber? Check. Und dann ab in die Innenstadt zum vereinbarten Treffpunkt.

Tolle Idee, in dieser Stadt ganz in schwarz langsam und nervös vor der Fassade einer Bank hin und her zu tigern. Die Glibbertomatenspielzeugverkäufer, die da im Schneidersitz am Boden ihre Ware vorführen, Kapitalismusverlierer angelehnt an das Fundament einer Krisenverliererin, gucken schon neugierig. Gerade will ich eine Gruppe langhariger Studenten ansprechen, da winkt mir schon jemand. Gefunden. So sehen also subversive Kräfte aus? Die Gruppe gutangezogener, sonnenbebrillter Damen da? Ganz in schwarz übrigens. Wir warten also gemeinsam auf den Bus. Mit einer von ihnen fange ich ein Gespräch an. Über Gewalt. Worüber auch sonst hier. Sie betont immer wieder, dass der wahre Gewalttäter eigentlich der Staat sei, die Polizisten (we have different names for them here, zwinkerzwinker) der verlängerte Arm der Repression. Gewalt von Seiten der Autonomen sei dann nur Notwehr. Und dem Volk würde niemand etwas tun, im Gegenteil. Und die Bomben?, frage ich vorsichtig. Damit habe die Bewegung nichts zu tun. Aber auch gar nichts. Da seien andere am Werk. Aber sogar die würden Gewalt nur gegen den Staat, nicht gegen die Bürger etc. - gaaar nicht mein Gyros, denke ich mir, aber lasse diese Meinung mal so stehen. Falscher Zeitpunkt für eine ideologische Diskussion. Vor allem, wenn das Gegenüber die letzten 24 Stunden mit (fast) ohne Schlaf in einem frisch besetzten Haus verbracht hat… Wir eilen durch Athen, um einen Bus zu erwischen.

Wir steigen aus. Industriegebiet. Große Straße. Parallel zu uns muss die Nebenstraße sein, in der sie warten. Ich erhasche einen Blick durch einen Tankstellenhof. Viele schwarze Männer. Wie gehen eilig weiter, treffen die restlichen Männer und Frauen. Die Flyer werden verteilt. Pashtu, Farsi, Französisch, Englisch, Griechisch. Ich lese die englische Version quer, während der Wind mir die Haare ins Gesicht klatscht. “…we are enraged by the brutality and injustice at the queues of the misery and inhumanity… We are here to break the silence… THE IMMIGRANTS AND REFUGEES ARE NOT ALONE… Fear can be overcome, we can build bridges…We believe that this is the way to change our lives.” Die Fotografierenden verstecken ihre Kameras. Ich also auch. Dann setzt sich der Tross in Bewegung. Gleich die ersten Wartenden bekommen einen Flyer in die Hand. Bald wimmelt es von schwarz gekleideten Flugblattverteilern. Ich sehe ein Polizeiauto. Uh. Ja, liebes Stimmchen, ich pack die Kamera weg. Nur ein Versuch noch. Eine der Aktivistinnen beschwört mich, es gut sein zu lassen. Recht hat sie. Ich habe keine Ahnung, keinen Überblick und mein einziger Schutz inmitten der verzweifelt wartenden Illegalen und den nervös Wache haltenden Polizei ist ein Häufchen Aktivisten. Also verlege ich mich aufs Zuschauen.

Die Menschen sitzen auf Kartons. Einer neben dem anderen am linken Straßenrand im Staub. Viele haben die Schuhe ausgezogen, sind eingehüllt in Wolldecken, Winterjacken, Mützen. Ich sehe nur Männer. Junge Leute, manche mittleren Alters. Kommt einer der Aktivisten vorbei, rufen manche, welche sprache sie beherrschen, um das passende Flugblatt zu bekommen. Manche lächeln. Viele der Blicke aber sind voll von Angst. Verzweiflung. Unsicherheit. Meter für Meter gehe ich an ihnen vorbei. Ein diffuses Bauchgefühl hindert mich daran, sie anzusprechen. Warum auch immer. Polizeiautos parken ab und an am Straßenrand. Heraus schauen Beamte. Lange will ich nicht herüberschauen. Und doch kreuzen sich ab und an die Blicke. Frappierend ähnlich zu den Migranten. Angst. Unwohlsein. Schließlich steigt einer aus, geht auf den größten und am stärksten gebauten der Gruppe zu. Er solle sich ausweisen. Die Gefährten drumherum bilden rasch eine Traube. Junge, geh weiter. Mein Bauchgefühl drängelt. So höre ich nur Fetzen der Konversation mit. Am Ende geht der Angesprochene unbehelligt weiter.

Sind alle durchgekommen? fragt eine. Anscheinend schon. Ein Aktivist mit Lederjacke und Handschuhen unterhält sich mit einigen Wartenden. Ich bleibe stehen und spitze die Ohren.  …zum siebten Mal bin ich schon hier, sagt einer und beschwert sich über den Regen. Ich fasse mir ein Herz. And you? - Uh…Pakistani. Jackpot, mit Englisch ist nicht weit her. How many times here? Assistierendes Gestikulieren. Er hält acht Finger hoch. Eight? - Yes. Als ich ihn gerade fragen will, wie lange er schon in Griechenland ist, schauen die Lederjacke und ich die Straße herunter. Wir sind die letzten. Eilig schließen wir auf, und ich darf mir eine kleine besorgte Belehrung anhören über das Zusammenbleiben bei Aktionen. Ein Sekündchen will ich mich ärgern, aber dann verstehe ich: Die Leute sind tatsächlich besorgt um mich. Wahrscheinlich bin ich auch der Jüngste, mindestens jedoch der Unerfahrenste. Und niemand will wohl, dass dem “German researcher kid” etwas zustößt. Dankbar halte ich mich ab da inmitten der Leute auf, mache ungesehen ein paar Bilder, höre von einem Wartenden, der seit einem Jahr jeden Freitag hier warten soll - bisher vergeblich. Frage die Lederjacke, woher sie ihren Akzent hat und ihr ganz und gar nicht griechisches Aussehen. Und lerne so “Achim aus Athen” kennen, wie er sich - bezehungsweise wie die deutsche linke Presse ihn vorstellt, erklärt er. Seit 18 Jahren Wahlathener, von Beruf Anwalt, langjährig in der linken Szene aktiv, den Linken und dem Verfassungsschutz gleichermaßen bekannt, sagt er und grinst. Ich nehme seine Visitenkarte.


Dann ist die Schlange an einer Straßenbiegung plötzlich zu Ende. Ein Polizeiauto, größer als die sonst allgegenwärtigen Citröens (wenn du eins ohne Blaulicht in Athen siehst, sagt Achim, sinds meistens Beamte in Zivil) fährt vor. Die Leute legen einen Tick an Gehgeschwindigkeit zu. Vorbei an dem Fotokopie-Laden, den ich noch gut in Erinnerung hatte vom ersten Besuch, geht es zurück zur Hauptstraße. Bald, erklärt mir eine Frau, würden sie dichtmachen. Ich schaue fragend. Sie zeigt auf das zerrissene Flatterband an der Kreuzung. Dann könnten keine Autos mehr durch und keine Menschen mehr hinein, dann würde die Schlange aufrücken und dann wäre es besser, nicht hier zu sein, sagt sie. Uns donnert einer der dunkelblauen Polizeireisebusse entgegen. Einer von denen mit kleinen, vergitterten Fenstern und einer riot police squad drinnen. Wohl wegen uns, sagt jemand. Tja. Und wenn. Wir ziehen aber schon wieder ab. Mein Bauchgefühl auch - und ich beginne, das alles zu verdauen. Mitzählen hätte ich sollen, wieviele Leute da stehen, mehr Fotos, mehr mit den Wartenden reden, weniger nebenher laufen, weniger passiv dabei sein. Ich gebe vor mir selber zu, dass mich die Situation aber mal völlig überrumpelt hat. Und begnüge mich damit, nächsten Freitag mehr auf Zack sein zu können. Wenn denn nächsten Freitag jemand hingeht. Alleine möchte ich da nicht hin. Jetzt also Faktensammeln. Das Polizeiaufgebot war im üblichen Rahmen, die knapp über 30 Aktivisten waren mal mehr, die Flüchtlinge kamen zum größten Teil aus Bangladesch und Pakistan, vielleicht nächste Woche wieder, man sieht sich, gute Nacht.


An der Bushaltestelle verabschiedet man sich. Meine ursüprüngliche, mittlerweile noch stärker mit der Müdigkeit kämpfende Begleiterin fragt mich, ob ich nicht mitkommen möchte zu dem besetzten Haus. Wenn schon, denn schon, denke ich mir. Und finde mich eine Bus- und Bahnfahrt später im dritten Stock einer Bruchbude wieder. Aber was für einer. Hohe Wände, schöner Parkettboden, im Eingangsbereich Stuck, ein alter Aufzug. Überall Spuren fleißiger Arbeit. Vor der Tür kleben Studenten Plakate zu lauter Musik. Drinnen wird diskutiert. Wie und wo man was renovieren sollte, wer die Kasse verwaltet, erste Sicherheitsmaßnahmen, weiteres Vorgehen, manche reden, die meisten rauchen. Ich erkenne Gesichter wieder. Neben mir schläft die Begleiterin fast ein. Ich beginne zu überlegen, wieweit sich die Rauchschwaden unter der hohen Decke mit der antikapitalistischen Grundhaltung der Anwesenden vereinbaren lassen, da beschließt die Blase, sich vollerdings bemerkbar zu machen. Bald solle hier die zweite Diskussion starten, die über politische Dinge. Die, die mir die fast von der Bank kippende  Aktivistin eigentlich empfohlen hatte. Während ich in den dreckigen Spiegel eines seit 10 Jahren unbenutzten Klos schaue, beginne ich mich über mich selber und über meine Eskapaden in dieser sowieso durchgedrehten Millionenstadt zu wundern. Hätte mir das jemand am Frankfurter Flughafen erzählt, ich hätte ihn für verrückt gehalten. Die Birne platzt. Nicht vor Kopfschmerzen, sondern vor neuen Erfahrungen. Ich beschließe, Politik (und besonders diese Spielart…) erstmal Politik sein zu lassen, wünsche den Besetzern an der Tür viel Glück und suche die nächste Metro-Station.

Auf dem Heimweg ist die U-Bahn vollgepackt wie üblich. Als ich aussteige, zieht mich eine Frau am Ärmel, sagt Unverständliches in einem sehr alarmierten Tonfall. Wie wir über den Bahnsteig laufen, erklärt sie mir (diesmal auf Griechisch), dass da jemand versucht hätte, in meine Taschen zu greifen. WER? frage ich. Sie zeigt nach hinten. Ich drehe mich um. Ein mitausgestiegenes Grüppchen mit klarem Migrationshintergrund zehn Schritte hinter mir grinst mich unverschämt schräg an. Gut, in den Hosentaschen wäre maximal ein Päckchen Kaugummi gewesen, die Wertsachen sind besser gesichert in der grauen Reisehose. Aber darum gehts nicht, denke ich mir und balle die Hand zur Faust. Woah. Ich verabschiede mich überschwänglich dankend von der Frau und gehe umsichtig nach Hause. Ich und meine Eskapaden.