Alles nomal.
Mittwoch. Ich fahre mittags mit der Tram in die Stadt. Kaum steige ich am zentralen Syntagma-Platz aus, laufe ich um die Ecke - und in orangenes Absperrband. Laut Aufschrift eine Police Line. Ich schaue drüber hinweg und sehe: Passanten. Wo ist das Problem, denke ich, und schicke mich an, drumherum zu gehen durch das Gewirr aus Bushaltestellen und Fahrkartenhäuschen, die gerade langsam von ihren Verkäufern verlassen werden. Ein Beamter winkt mich genervt herüber auf die andere Straßenseite. Ich entschuldige mich non-verbal (wusst ichs?), dreh mich um und sehe, wie zwei weitere Beamten hinter mir weiteres Absperrband spannen. Und wie die Bankfiliale am helllichten Tag dasteht mit heruntergelassenen Rollläden. Am externen Geldautomaten nebenan bildet sich schon eine kleine Schlange. Weiter unten steht ein Polizeimotorrad quer. Ein Uniformierter heißt mich weiterzugehen und schickt sich an, die ganzen Passanten und Geldabheber vom Gehsteig gegenüber zu scheuchen. Um mich herum wird Flatterband gezogen.
Der Kioskbesitzer direkt neben mir hat nichts gehört, nichts gesehen und keine Ahnung, was hier läuft. Der Fahrer des einsamen Polizeimotorrads weiter unten ist redefreudiger. Während sein Kollege vergeblich versucht, zwei Rentner und ein Touristengrüppchen davon zu überzeugen, einen Umweg zu gehen und nein, sie können jetzt nicht ihr Mofa dort holen, erfahre ich, was los ist. Bombendrohung gegen die Bank. Hinter der großen verspiegelten Sonnenbrille verdreht er hörbar die Augen. Das passiere eine Million Mal hier, sagt er, aber man wisse ja nie. Langsam schaffen es die wenigen Männer und Frauen in Blau, den Bereich halbwegs passantenfrei zu machen. Zwei Meter neben den Absperrungen geht das Leben weiter wie gewohnt. Ein Kleinbus mit Hund kommt. Der Hund schnüffelt einmal umher an den Mülleimern und Mofas. Der Hund wird zurück in den Bus gebracht. Die Polizisten räumen genervt die Absperrungen weg. Die Bank öffnet wieder. Alles wie immer. Im Kopf stelle ich mir vergleichsweise vor, wie Stuttgart-Mitte nach einem solchen Anruf aussehen würde. Aber dort passiert das ja auch nicht täglich.
Ich komme an am Agios-Pantelaimonas-Platz. Überall stehen Männer herum. Ihre Gesichtszüge bringen mich ins Raten. Nahost? Fernost? Woher sollte ich auch wissen, wie ich einen Afghanen von einem Pakistani von einem Iraner von so manchem Albaner von einem Weißrussen… ist ja auch egal, irgendwo. Ich sehe teure Handys, gut gekleidete Jugendliche, die in Grüppchen herumstehen und die Älteren im Vorbeigehen grüßen, sehe den Spielplatz voll mit Kindern. Die große Kirche, deren Priester ich sprechen wollte, ist verschlossen. Aber irgendwo in der Nähe müsste die Armenküche sein, die ich ja auch besuchen wollte. Die Kioskbesitzerin zerstört heute völlig mein Bild vom allwissenden Allesverkäufer. Wisse sie nicht so genau, aber ich könnte doch die Nonne fragen. Die Nonne? Ich drehe mich um und schaue in ein uraltes Gesicht und ein Paar funkelnde Augen. You speak English? Kopfschütteln. Na toll. Ich und meine Griechischkenntnisse. Bevor ich ihr erklären kann, was ich eigentlich will, bedeutet sie mir zu folgen. Radebrechend trage ich mein Rechercheansinnen vor, scheitere aber immer wieder am griechischen Wort für “Stiftung” (idruma, und schlag das das nächste Mal vorher sowas nach, du Trottel). Den Part mit den Flüchtlingen hingegen versteht sie, und während sie mit der Erfahrung von vermutlich demnächst einem Jahrhundert Überleben-in-Athen durch das Großstadtchaos navigiert, schimpft sie heftig über all diese Leute, die hierher kommen, nichts arbeiten, die Straßen verstopfen, Kinder machen, hier ist doch sowieso schon alles voll, findest du das etwa gut? fragt sie funkelnd und verflucht in einem Seitenhieb einen ahnungslosen Taxifahrer. Ich beschränke mich da sicherheitshalber auf eine undefinierbare Kopfbewegung.
Im ersten Stock eines Innenstadtgebäudes werde ich schließlich vorgestellt. Ich sei ein Journalist von der deutschen Kirche, und wer hat dem Jungen bitte gesagt, er könnte hier diese Woche kostenlos essen? Bevor die ältere Dame beginnt, nach Essbarem zu suchen, versuche ich mein Glück mit Englisch. Diesmal mit mehr Erfolg. Die Nonne zieht grummelnd von dannen, während ich die Tatsachen richtig stelle. Ja, die Immigranten würden hier auch essen. Aber vor allem Arme, Obdachlose, 120 Essen pro Tag werden gekocht, man versuche, zu helfen mit Kleidung, Essen, manchmal Geld. Ich solle doch den Priester fragen. Die Messe? 17.30 beginne sie, ab 16.00 sei die Kirche offen. (Endlich die Uhrzeit!) Ich bedanke mich artig und gehe wieder.
Was mache ich denn jetzt die nächsten 3 Stunden? Der Lärm der Straßen bereitet Kopfschmerzen, die auch in den Nebenstraßen nicht besser werden. Unterwegs zu Fuß zurück ins Zentrum kaufe ich mir eine Kleinigkeit zu essen und halte meinen Brummschädel. Leute starren auf meine Kamera. Ich versuche, Bilder zu machen. Schließlich stolpere ich wieder auf den großen vertrauten Omonia-Platz. Ein koffeinhaltiges Kaltgetränk muss her. Schnell. Frappé gliko me gala, süß mit Milch, so weit reicht mein Griechisch auf jeden Fall noch. Im gammeligen Obergeschoss dieser Kaffeekette setze ich mich an einen Tisch. Die Frau gegenüber zündet sich eine Zigarette an. Meinetwegen. Alles besser als die Stadt da draußen. Der Frappé wird langsam weniger. Der Schädel auch.
Und wieder hoch in den Norden der Stadt. Die Kirche ist um 16.20 nach wie vor zu. Ich setze mich neben einen alten Mann, gut angezogen, weißes Haar, Stock. Und warte. Kleine Jungs jagen Tauben mit Gummiringen und Zigarettenresten. Die Tauben kümmert der Beschuss wenig. Die älteren grüßen der Reihe nach artig meinen Nebensitzer, Salam!, Händeschütteln, weiter auf dem Fahrrad. Dann geht die Türe auf. Ich finde mich in dem großen Bau kaum zurecht, da höre ich eine wohlvertraute Stimme. Hier herüber, Jungchen! Die Nonne führt mich zu einem Mann in Schwarz. Wallendes Gewand, runder Hut, ein riesiger dichter grauer Bart, kleine friedliche braune Augen, ein entwaffnendes Lächeln. Wieder kein Englisch. Aber das Koffein hilft, und so können wir uns verständigen. Pater Prokopios reicht mir die Hand. Ich versuche mal wieder zu umschreiben, was eine Stiftung ist. (ídruma!) Man versteht sich. Wir helfen, wo wir können, erklärt der Pater mit ruhiger, fester, im Gewölbe hallender Stimme. Essen, Geld, Kleidung. Aber eigentlich ist das Staatssache. Nur macht der Staat ja nichts. Also helfen wir eben unseren Mitmenschen. Bedächtige Pause. Und was noch schlimmer ist: viele Leute hier sehen gerade die Moslems nicht als Mitmenschen, noch, betont er, noch nicht. Die Vergangenheit, mein Junge, die Vergangenheit…
Und wir schweifen ab, sprechen über Jugendarbeit (und warum die Jugend garantiert nicht um 7 Uhr sonntagmorgens aus dem Bett und in den Gottesdienst kommt) und Ökumene (Hardliner gibt es wohl hier wie dort, nur machen sie hier weitaus mehr Probleme). Ich bekomme eine kleine Einführung in die Bedeutung der ganzen Wandmalereien, in die theologische Bedeutung von Details, die mir kaum aufgefallen wären. Fast zweitausend Jahre seien vergangen seit Paulus’ Reisen hierher, betont der Priester, und etwas Stolz schwingt in seiner getragenen Stimme mit. Kein Wunder ist alles so durchdacht. Langsam füllt sich die Kirche. Die Besucher kommen nacheinander zu ihm, küssen ihm die Hand, ehrfurchtsvoll grüßen sie - ich komme mir fast gotteslästerlich vor, wie ich so neben dem Priester stehe, eine Hand in der Tasche, zwischenfragend, Wörter nicht verstehend. Eine Frau erzählt, Polizisten hätten die Leute draußen gejagt, von den Kirchentreppenstufen herunter. Was soll das, grummelt Pater Prokopius ärgerlich in seinen Bart, die sollen die Leute in Frieden lassen, die haben doch niemandem etwas getan. Womit wir wieder beim Thema wären. Die EU kann uns doch einmal helfen. Aber statt Flüchtlinge von hier aufzunehmen oder uns wenigstens bei der Grenzsicherung zu helfen, schauen alle tatenlos zu. Schon Viertel nach? Er müsse los, sich fertig machen für die tägliche Vor-Oster-Messe. Während das schwarze Gewand also hinter einer Türe verschwindet, setze ich mich hin und harre der Dinge.
Lange war ich schon nicht mehr in einem orthodoxen Gottesdienst. Und ich muss wohl vergessen haben, wie lang so etwas geht. Zweitausend Jahre sind wirklich eine lange Zeit, denke ich mir, da kann man wirklich viel an Details feilen. Es wird alles gesungen. Und ich verstehe ab und an sogar ein Wort. Die Männer vorne haben ein ganzes drehbares Pult voller aufgeschlagener Bücher, und sie rotieren fleißig, die Pausen mit Kyrie Eleisons in allen Tonlagen überbrückend. Ein zweiter Priester singt auch. Irgendwann höre ich Abraham heraus. Die junge Frau neben mir schließt die Augen. Dauernd stehen die Leute auf. Wahrscheinlich ist “Mutter Gottes” so ein Reizwort im Text. Ich verpasse den Einsatz dauernd und bleibe sitzen, als einziger unter-80-Jähriger vermutlich. Vor mir bekreuzigen sich alte Menschen im Kniebeugen-Stil. Mehr Gesang. Ich versuche, auch mal die Augen zu schließen. Aber irgendwie will ich ja auch nichts verpassen. Nicht dass viel passieren würde vorne. Aber die Neugierde besteht mit einem Man-weiß-ja-nie darauf. Ich fasse den Vorsatz, beim dem nächsten Besuch einer solchen Veranstaltung mit einer guten Portion Vorwissen zu kommen.
Merke: Eineinhalb Jahrtausende Jahre alte Liturgieformen sind nicht konzipiert, den “postmodernen kirchenfernen Suchenden da abzuholen, wo er steht”, sind - anders als ihre westlichen Pop-Gegenstücke - nicht unter Easy Listening einzusortieren, nicht kulturell adaptiert und schon gar nicht experimentell. Dafür strahlt der Wechselgesang etwas Zeitloses aus. Draußen wird es dunkel. Blitze zucken an den Kirchenfenstern vorbei. Bei jedem Treffer knackst es in der Lautsprecheranlage. Der Singsang übertönt beruhigend den Regen. Das Donnergrollen wirkt klein und harmlos gegen die in den Rundbögen verhallenden kraftvollen Silben. Ganz mag sich der meditative Aspekt mir trotzdem nicht erschließen, ich folge angestrengt und trotzdem vergebens den Texten. Die junge Frau neben mir wirkt völlig in sich versunken. Pater Prokopius taucht kurz auf, in prunkvollem Gewand (und manche fallen jetzt fast auf die Knie), um gleich wieder zu verschwinden. Der jüngere Priester verteilt, vermutlich auch nach einem genau festgelegten Gang-Schema, großzügig Weihrauch in der Kirche. Und nochmals. Und noch mehr. Riecht aber auch gut, das Zeug.
Wir kommen nach über einer Stunde schließlich zum Neuen Testament. Jedenfalls höre ich das Vaterunser in Altgriechisch. Es klingt schön. Und zeitlos. Noch mehr Weihrauch. Langsam muss es ans Eingemachte gehen, denke ich mir. Hoffentlich. Denn der Frappé drückt mordsmäßig auf die Blase. Kerzen, Runden durch die Kirche, nochmals eine gute Dosis Weihrauch. Die älteren Herren am Mikro intonieren mit mehr Pathos. Ich stelle mir grinsend vor, eine Busladung Hillsong-Charismatiker in der ersten Reihe sitzen zu sehen. Kulturschock, Baby. Dann wird es hell. Vorne sammeln sich die Leute. Ich stelle mich mit an, und spätestens jetzt ergreift mich der Gesang auch, Textverständnis hin oder her. Pater Prokopius lächelt, als ich ihm zuzwinkere und das Stück Brot (richtig, eine echte Scheibe Graubrot…) nehme. Die anderen küssen ihm die Hand, merke ich hinterher. Hier Fauxpas-Punkte zu sammeln geht wirklich einfach. Ein kurzer Trip durch die halbe Sintflut draußen zum Café gegenüber zünde ich in mehr als einem Sinne erleichtert eine Kerze an und halte Ausschau nach dem Pater. Die Kirche brummt, Menschen unterhalten sich, lachen, beten, irgendwo singt ein Chor. Der Priester ist belagert von seinen Schäfchen. Während ich durch das verregnete Athen zurück nach Hause fahre, denke ich viel nach. Über Bombendrohungen und über Gesänge. Und was eigentlich normal ist.
(Während ich das veröffentliche, kommen erste Meldungen herein über eine explodierte Bombe, mitten in der Innenstadt. Auweh.)