Akadimias 60.
Nachdem ich am Sonntag meine Zeit entweder im Bett oder abends auf Athens Innenstadtstraßen verbracht hatte, sollte es am Montag endlich losgehen.
Advice Session for migrants and asylum seekers, 17.00, Akadimias 60, 3rd floor, Athens, let me know if you decide to come, soweit die Eckdaten in der e-Mail von einer Frau Angeli vom ERP. Natürlich decide ich to come. Und ich beschließe auch, davor ein wenig in Athen umherzuspazieren, Großstadtluft zu schnuppern, Bilder zu machen, Menschen zu treffen.
Langsam füllt sich die leere Karte im Kopf. Ich erkenne Schilder wieder, Straßenecken, Metrostationen, Himmelsrichtungen, Gebäude. Niemand überfährt mich, niemand will mir die Tasche vom Leib reißen, vor allem juckt es wirklich niemand, dass ich mitten im Weg stehe und mit der Kamera umherfuchtle. Gut, denke ich mir, dann zum Hades mit der Scheu. Trotzdem nur mit Teleobjektiv. Man will ja nimand zu nahe treten. Die im kleinen, ruhigen, schwäbisch-kuscheligen Stuttgart längst vergessene Großstadtparanoia gehört hier wohl zur Grundausrüstung.
Bei der Bibliothek tritt eine junge Frau an mich heran. Ob ich nicht Kinokarten ein Jahr lang billiger und bla. Ihr Augenbrauenpiercing ist noch frisch. Ich antworte, dass ich gar nicht so lang hier bleibe. Aus der Jacke ragt ein Hemd samt schwarzer Krawatte. Warum? will sie wissen, wo ich herkomme, was ich hier mache und vor allem ti omáda isse? - welcher Fußballverein? (Das sollte hier wirklich statt der Religionszugehörigkeit im Pass stehen.) Sie studiere hier Journalistik, aber eigentlich wolle sie ja Fußballerin werden… Ein nettes Gespräch später weiß ich, dass jeder hier mal in Deutschland war, die Medienlandschaft fürn Arsch ist und der Fußballjournalismus sowieso, nicht jeder diesen klebrigen Easy-Listening-Technofolkpop hört (Métal, sagt sie stolz und grinst subversiv), aber jeder bei Facebook ist und ich soeben eingeladen wurde, mich mal dort oder auf ihrem cell phone zu melden, falls ich Lust hätte, mal mit nach in Exarchia zu gehen und ihre Leute treffen und hear good Music und so. In Exarchia. Klingt spannend. (Die Paranoiastimme hinten im Schädel räuspert sich.) Ich schüttle ihre schwarz lackierten Fingernägel, verstaue das Notizbuch und ziehe von dannen. Ohne vergünstigte Kinokarten.
Akadimias 60. Am Aufzug wartet schon ein Mann, dessen weißer Bart mit der schwarzen Haut kontrastiert. Wir fahren in den dritten Stock. Unterhalten uns. Ich frage leise. Sudan, my friend. Civil war, they killed my family. Thirty years in Greece, my friend, sagt er und lächelt. Mir fehlen spontan die Worte, ich lächle zurück. Da geht auch schon die Tür auf. You go first, my friend.
Danai Angeli ist halb so groß wie ich und doppelt so energiegeladen. Mindestens. So you do want to know everything about asylum? fragt sie lächelnd und setzt sich hinter ihren Schreibtisch. Yeah, antworte ich wahrheitsgemäß und schäme mich ein bisschen für meinen doofen amerikanischen Akzent, der immer zum unpassendsten Moment durchschlägt. Sie lächelt drüber hinweg und beginnt, die Liste aller NGOs vor Ort durchzugehen, wer was macht, wer welchen Ruf hat, an wen ich mich wenden kann. Genau die Fragen, die ich mir im Vorfeld aufgeschrieben hatte. Ich kritzle eifrig mit. MSF betreut das große Flüchtlingslager in Patras medizinisch und kümmert sich um Folteropfer, ai registriert Dublin-II-Fälle am Flughafen und macht sonst anscheinend wenig, die Group of Lawyers beraten Flüchtlinge (soweit sie dürfen) und nehmen ab und an pro bono einen Fall an, das GCR ist chronisch belagert von Flüchtlingen und entsprechend ausgelastet, das Rote Kreuz hat eine Hotline für Flüchtlinge und schickt diese weiter, PRAKSIS und Médecines du Monde betreiben kostenlose Kliniken in der Innenstadt usw. usf. Das graue Telefon klingelt. Eine MSF-Frau kommt nachher spontan vorbei. Sehr gut.
I hope that you will see some real asylum cases today, sagt Danai, da streckt schon jemand den Kopf durch die Tür. Ein Flüchtling aus Yemen, hier mit Visum, will seine Mutter und Schwester hierbehalten. Dazu müssen sie aber in Syrien ein Visum beantragen und nochmal einreisen. Komplizierte Sache. Eine weissrussische Mutter trägt ihr Anliegen vor. Ihre Tochter sei schwanger in Frankreich, dort bleibeberechtigt, der Vater aber Illegaler, was machen wir denn jetzt? Das Kind in Frankreich zur Welt bringen, grinst Danai, auf jeden Fall dort, das löse alle Probleme. Denn so ist das kleine Menschlein EU-Bürger. Und über Ecken und Vorschriften können dann alle drei legal nach Griechenland einreisen, hoffentlich. Die Mutter strahlt und bedankt sich überschwänglich, bevor sie einem alten Herren aus Russland Platz macht. Nach 5 Minuten Hin und Her auf Griechisch zum Thema Einbürgerung und Postversäumnis und wasweißich schalte ich ab.
Stattdessen wandern meine Augen umher. Ein deutsches Plakat, eine bittere Sendung-mit-der-Maus-Parodie zum Thema G8 und Einbürgerung. Der andere, leere Schreibtisch, den eigentlich Danais Mann besezten sollte heute. An der Wand alte Fachliteratur und/oder Papiermüll. Gerahmte Bilder, einfacher Malstil, zeigen EZLN-Aktivistinnen. Ein Foto in Schwarzweiß: kein mensch ist illegal-Wandmalereien auf etwas, das ziemlich nach einer deutschen Großstadtfassade aussieht. Hinter Danai einige Ordner, auf dem Schreibtisch ein paar Vordrucke zur Fallerfassung, kein Computer, ein altes Telefon - überhaupt, es fehlt die deutsche Zimmerpflanzen-Gammeltastatur-Bürograu-Atmosphäre.
Der alte Mann geht. Ein junger Mann kommt. Er soll noch etwas warten, they will come in a minute. Noch mehr Leute in diesen kleinen Raum hinein? Bevor ich fragen kann, sitzt da schon der nächste Hilfesuchende schüchtern auf seinen Händen. Die hohe Stimme passt gar nicht zum Bart, und als er in recht gutem Griechisch erzählt, wie er als Staatenloser nicht zum Abitur zugelassen werden kann, rutsche ich langsam vor zur Stuhlkante. Die Mutter aus Syrien, der Vater aus dem Iran, tot sind sie beide. Bei den älteren Schwestern wohnhaft, sind seine einzigen Papiere eine griechische Geburtsurkunde. Ich lese seinen Namen. Maurice. Syrien und der Iran wollen ihm beide keinen Pass ausstellen. Danai erklärt, dass er dann Grieche werden kann, greift zum Hörer und telefoniert. Maurice, how old are you, frage ich leise. Eighteen. Ein Jahr jünger als ich, denke ich mir. Are you good at school? - Not the best, but… good, I think. - What do you want to do afterwards? Studieren will er, weiß nicht, was genau - vor allem aber, ob er darf. Die Anwältin schickt ihn zu den Botschaften. Er solle mit den Ablehnungsbescheiden wiederkommen. Good luck, Maurice.
Petrou Ralli. Freitag abend solle ich hingehen. Oder Samstag sehr früh. Die ganze Nacht über sei dort Gedrängel. 1500 Menschen, deren einzige Chance eine der 300 Berechtigungen zum Vorsprechen ist. Stichprobenartig seien Beobachter vor Ort, die Lage wäre ruhig. Alleine oder gar die ganze Nacht hingehen? Are you crazy? Danai reißt die Augen auf. You can’t do that. Nicht dass es dort gewalttätig zugehe, aber man wisse ja nie. Die Menschen hätten nichts zu verlieren.
Der angekündigte Besuch ist da und lächelt. Danais Kollege, noch eine Anwältin (ähnlich groß wie die erste) und eine Frau, deren rotes T-Shirt sie als die angekündigte MSF-Mitarbeiterin ausweist. Ich nutze die Gelegenheit. Patras reicht als Stichwort zum Faktensammeln. 1200 Flüchtlinge in einem “wilden” Lager am Hafen, ein Arzt, ein Psychologe in einer MSF-Klinik, eine Visitenkarte von Ioanna, Deputy Head of Mission/Financial Coordinator - Migrant’s Project. Ich solle sie doch einfach anrufen wegen eines Besuches dort.
Der Mann von vorher wird mir vorgestellt. Mustafa-but-call-me-Jake scheint ein interessanter Fall zu sein. Jedenfalls wollen sie mit ihm vor die europäischen Gerichte ziehen, seine Reibereien mit den Behörden publik machen. Und während die Handvoll Leute im viel zu kleinen Zimmer irgendetwas dazu bespricht, erzählt Jake mir von seiner Arbeit in Afghanistan, von seiner Flucht durch den ganzen Nahen Osten, von der kleinen Wohnung und der Arbeitsstelle in Athen. Ob er mir helfen würde bei Bedarf mit dem Dolmetschen? Of course, sagt er, und gibt mir seine Nummer.
Dann ist es auch schon 19.00 Uhr. Die versammelte Rechtskompetenz und “the young german researcher who wrote that e-mail, you know” (so war ich vorher vorgestellt worden - und alle wussten, wer gemeint war) verlassen das Gebäude. Ob ich nicht Lust hätte, noch kurz mitzukommen zu einer Planungsgruppe, fragt mich die andere Anwältin. Unterwegs fragen wir uns nach unseren Namen, weil wir sie dauernd vergessen - ich meine, sie heißt Angeliki. Und sie erzählt mir von einem Unterstützerkreis, vom Brückenbauen zu den Wartenden vor der Polizeistation, von Hilfe und von Solidarität. Auf Griechisch, Englisch und Deutsch unterhalten wir uns über Kirchenasyl, über die griechischen radikalen Linken (der Militanzdiskurs hier dreht sich wohl nicht um Gewalt als legitimes Mittel, sondern ab wann man zuschlagen darf), Vermummungsverbote und Scientology. Unterwegs stößt ihr Mann dazu. Zu dritt betreten wir das Gelände der Universität, auf das aus geschichtlichen Gründen die Polizei keinen Zutritt hat - was bei den Unruhen hier eine gewichtige Rolle zu spielen scheint. In einem der kahlen Lehrsäle sitzt eine Arbeitsgruppe auf Stühlen und Tischen. Ich versuche, des basisdemokratischen Diskussion über Übersetzungssprachen zwischen Kaffee und Kippen irgendwie zu folgen.
Plötzlich kommt ein Mann mittleren Alters hinein. Es wird still. Er schreibt etwas an die Tafel, von dem ich nur “morgen früh… Haus von… Versammlung…” verstehe. Keiner sagt etwas. Er schaut in die Runde. Haben das alle gelesen? Nicken. Dann kann ichs ja wieder wegwischen. Gesagt, getan. Und er geht weiter zum nächsten Zimmer. Ich schaue fragend zu meiner Begleiterin. Sie hat kaum die erste übersetzte Silbe im Mund, da zögert sie. Sie dürfe das nicht sagen. Auch nicht übersetzt. It’s irrelevant. This has nothing to do with Friday. It’s something else. It’s irrelevant. Es klingt, als ob sie mich aus was-auch-immer raushalten möchte. Scherereien, vermutlich.
Und ich weiß auch nicht so recht, was mich am Freitag erwarten wird. Angeliki sieht meinen irrtierten Blick. Wenn ich nicht mitkommen möchte, kein Problem, sie würden mir die Bilder schicken. Ich protestiere, halb im Scherz. Aber in mir fragt das paranoide Stimmchen ernsthaft, was das hier noch werden soll. Ich vertröste es vorerst mit dem festen Vorsatz, am Stück und im Passagierraum (!) termingerecht heimzufliegen.
Beschwingt gehe ich durchs abendliche Athen, die Kamera fest am Handgelenk. An einer Straßenecke wieder ein nervöses Polizistengrüppchen. Einer schaut her. Ich lächle ihn freundlich an. Er starrt zurück. Und dann sehe ich in Zeitlupe, wie sein Blick auf das unförmige große schwarzglänzende Ding in meiner Hand fällt. Wie seine Muskeln sich anspannen. Wie er in mein Gesicht schaut und ich wie gewohnt weiterlächle. Wie sich plötzlich alarmiert die Kollegen umdrehen. Blick zur Hand, Blick in die Augen. Anspannung. Und immer noch mein durchgedrehtes Attentätergrinsen. Ich gehe vorbei. Und verstehe plötzlich. Drei Paar Augen im Nacken spürend, bleibe ich ostentativ auf der Kreuzung stehen, schaue fragend nach links und rechts und kratze mich in meiner hoffentlich glaubhaftesten Dämlicher-Touri-Imitation am Kopf. In breitem Texanisch nach dem Weg zum Syntagmaplatz zu fragen, hab ich mich dann doch nicht getraut. Der Großstadtparanoia wegen.