Endstation: Griechenland

Vom Abschieben zurück, Flüchten nach und Überleben in Griechenland. Konstantins Notizen eines Reisestipendiums. Namen&Zahlen sind zum Schutz der Personen geändert. (folg mir: twitter.com/knstntn)
Mar 15
Permalink

Grossstadtsuvival.

Jetzt bin ich etwas mehr als 24 Stunden in Athen. Und während mein Magen sich langsam, aber sicher an die Unterschiede im Essen anpasst (da kann die beste aller österreichisch-griechischen Gastgeberinnen nichts dafür…), gewöhne ich mich an diese betongrauen Rand des totalen Chaos. Und lerne zum Beispiel, dass Fußgänger per se in Lebensgefahr schweben. Denn wenn mein deutsch geprägtes Hirn munter über die verblichenen Zebrastreifen gehen will, hält mich bisher immer die Hand meines Athener Begleiters davon ab, die Motorhaube eines hupenden lärmenden rasenden Autos mit meinen Eingeweiden zu verzieren. Der Fahrer, da gehe ich jede Wette ein, würde maximal die Scheibenwischer betätigen.

Konstantin will mir also abends die Athener Innenstadt zeigen und gleich eine Art Crashkurs zum Überleben in Athen geben. Wir parken in einer Seitenstraße und stiefeln los. Exarchia, sagt mein Namensvetter und zeigt in eine gesichtslose Betonschlucht, Exarchia ist eines von den Vierteln, das du besser weder allein noch nachts betrittst. Eine Hochburg der Autonomen soll es sein, die Ecke der Anarchisten, Chaoten, Kriminellen. Ich meine, den Namen in den Nachrichten gehört zu haben. Die Flecken auf dem Boden jedenfalls zeugen von abgebrannten Mülltonnen. In der Nähe des Omonia-Platzes führt er mich durch eine Straße, in deren gelben Großstadtlicht sich viele zwielichtige, ausnahmslos dunkelhäutige Gestalten tummeln. Keine zehn Meter drinnen (“schau niemanden an, rede mit niemandem, bleib nicht stehen, zeig keine Angst, niemals alleine”) spricht uns jemand von der Seite an. Ich verstehe Bahnhof. Und lerne gleich einmal die lokalen Slangworte für Haschisch, Heroin, Kokain und dergleichen kennen. Prostituierte bieten ihre Dienste an. Ich wundere mich, ob wir dieses Athen auch mit der Schulklasse damals gesehen haben, Akropolis hin oder her.

Als wir aus der Straße heraustreten, ist alles wie vorher. Ein paar junge Polizisten stehen nervös an einer Straßenecke. Ich schaue ihnen in die Augen - und sehe zum ersten Mal diesen typischen Blick der dunkelblau Uniformierten: nicht Freude, nicht Hass, nicht Besonnenheit, nicht Routine, sondern eine diffuse Angst und Angespanntheit schlägt mir entgegen, trotz der schussicheren Westen und Schlagstöcke. Um uns herum pulsiert weiter die Stadt, als ob sie nie schlafen würde.

Am nächsten Morgen will ich mir ein Bild machen von der für Abschiebe- und Asylangelegenheiten zuständigen Polizeistation in der Petrou-Ralli-Straße. Zuerst aber müssen wir kurz zum Hafen von Piräus, eine Ladung Olivenöl vom Schiff holen. Ich beschließe, die Autofahrt für ein paar Übungen in Sachen Aus-fahrenden-Autos-Fotografieren zu nutzen. Die unberechenbare Situation auf Athens Straßen kommt mir dabei nicht wirklich entgegen. Das Handy klingelt - Konstantin nimmt selbstverständlich während der Fahrt ab. Sein Vater warnt uns: in der Innenstadt soll eine Horde Autonomer mit Vorschlaghämmern wüten. Wir fahren recht unbekümmert weiter. Ich glaube, mich verhört zu haben.

Die ungewohnten Straßenzüge sorgen für eine totale Reizüberflutung, und so nehme ich sie erst auf den zweiten Blick wahr: Schwarze an den Straßenecken. Auf den Verkehrsinseln.  Kinder, Albaner laut meinem Fahrer, die die Autoscheiben an den Ampeln putzen und um Geld bitten. Ein ganzer Block ist voll mit Händlern, die auf Tüchern jeden Krimskrams, aber auch PCs und Autoraidos ausgebreitet haben, wie ein samstäglicher Flohmarkt, nur ohne deutsche Gründlichkeit. Ich versuche vergeblich alles zu fotografieren.

Schließlich lassen wir das Auto stehen und bewegen uns mit Bus und Bahn Richtung Petrou Ralli. Der Busfahrer glaubt, etwas von der “Ausländerstation” gehört zu haben. Kaum sehe ich in den Augenwinkeln ein Maschinengewehr im Anschlag samt dazugehörigen Polizeibeamten, bedeutet er uns, auszusteigen, es sei hier ganz in der Nähe, zeigt auf eine staubige Nebenstraße und braust davon. Wir setzen unsere Sonnenbrillen auf und gehen los. Fast will ich umkehren angesichts der Autoreparaturwerkstätten und Schrotthändler, da sehe ich ein kleines frisch gestrichenens Lädchen mit einem Schild, dessen Aufschrift ich mir mit “Fotokopien und Dokumentenservice” zusammenreime. Warum um alles in der Welt sollte hier… natürlich. So falsch können wir nicht sein. Fünfzig Meter weiter sehen wir dann schwere Eisenzäune und einen Wachposten, vor dem allerdings statt der beschriebenen Schlange von Asylsuchenden eine mittägliche gähnende Leere herrscht. Ein Polizist hebt die Augenbrauen. Ich verwerfe sofort die Foto-Pläne und erinnere mich an die Ratschläge für diverse Innenstadtstraßen. Manche Dinge funktionieren wohl universal.

Ich betrachte im Vorbeigehen neugierig die gepanzerten, vergitterten, fast fensterlosen Reisebusse, während Konstantin mich auf die Müllspur am Straßenrand hinweist. Nichts Besonderes für Griechenland, möchte man meinen. Aber die Ansammlung von Kaffeebechern, Getränkekartons, Zigarettenstummeln und Plastiktüten spricht eine eindeutige Sprache: Hier haben Menschen länger gewartet. Wie wir schließlich aufällig unauffällig an der Frontseite zurück zur Bushaltestelle gehen, vorbei an der schwerbewaffneten und mit einem Kollegen plaudernden Wache, sehe ich eine Notiz. Um 07:00 am Hintereingang werden samstags die wenigen Zugangsberechtigungen zum Gebäude verteilt. Alles beginnt, Sinn zu ergeben.

Als wir zuhause ankommen, läuft - typisch Griechenland -  der Fernseher. In den Nachrichten heute Abend, in Reihenfolge der Wichtigkeit:

Vendetta auf Kreta: Man sieht, wie Polizisten vor einem Dorf in Stellung gehen, in dem eine 150 jahre alte Familienfehde (Grund damals: weidende Schafe) mal wieder eskaliert ist. Die Rede ist von Totschlag mit Steinen, Messerstichen und tödlichen Schüssen auf Kinder aus einer AK-47. Sturmgewehre, die - laut meinem Gastgeber - besonders auf Kreta weit verbreitet sind. Die Familien drohen, sich gegenseitig auszulöschen. Mal wieder.

Athen-Innenstadt: Ein Amateurvideo zeigt vermummte Gestalten, die… mit Vorschlaghämmern und Eisenstangen auf Autoscheiben und Schaufensterfronten einschlagen. Mitten im besten Einkaufsviertel. Tatsächlich. In der nachfolgenden vom griechischen Fernsehen heißgeliebten Livediskussion (die Uneingeweihte oft mit einer Beinahe-Schlägerei verwechseln vor lauter Emotionalität) muss sich ein sprachloser Polizeifunktionär rechtfertigen. Die Rede ist vom erneuten Versagen des Staates, von angeblichen ersten Schutzgeldforderungen der Chaoten gegenüber Ladenbesitzern. Und was noch gravierender klingt: Zeugen berichten von einer Spezialeinheit vielleicht hundert Meter vom Geschehen entfernt, die tatenlos zugeschaut haben soll. Warum auch immer.

Athen-Innenstadt: Ein Polizist hat aus persönlichen Gründen einen Cafébesitzer gestern mit der Dienstwaffe angeschossen und lebensbedrohlich verletzt, es wird weiterhin ermittelt. Das abgesperrte Café auf dem Bildschirm kommt mir seltsam vertraut vor. Konstantin bestätigt, dass wir gestern noch daran vorbeispaziert sind. Und er kennt den Verletzten über eine einstellige Anzahl Ecken, vermutet er.

Außerdem: Wie die beiden großen Parteien sich gegenseitig anschwärzen, wie Räuber einen Bankautomaten aus einem Krankenhaus mitgenommen haben, wie ein Mann mit Pistole und Handgranate eine Bank überfallen hat, wie ein Rentner von Maskierten nachts ans Bett gefesselt und beraubt wurde, wie die Wirtschaftskrise sich auf die Kosmetikbranche auswirkt, wieso in de Bucht von Thessaloniki hunderttausende Fische wegen giftiger Abwässer kieloben treiben, alles in dieser unnachahmlich charmant-boulevardesken schambefreiten Art griechischer Bildregie gedreht. Und nun zum Sport.

Mein offizieller Athen-Erklärer zuckt mit den Achseln. “Gute Nachrichten? Haben wir wenige”, sagt er und klingt frustriert und gelangweilt zugleich, “die Situation ist nun mal außer Kontrolle.”

(Während ich das schreibe, heult etwa alle 10 Minuten in der Nähe ein Alarm los. Warum auch immer.)