Kopfkino.
Jetzt sitze ich also im Flieger. Zehntausend Fuß über dem Boden wird man gerne nachdenklich, und ich erinnere mich an die Szene vorher im Aschaffenburger Bahnhof. Zwei Polizisten stehen am Service Point der Bahn, an dem ich meine Reiseauskunft hole. Zwischen ihnen, kaum auf Pistolengriffhöhe, ein kleines schwarzes Kind. Zehn Jahre, schätze ich. Neben ihm kauert sein schwarzer Rucksack am Boden, alles unauffällig, genauso seine Kleidung. In meinem Kopf spielt sich der übliche Film ab.
Ein Trickdieb also, so klein und schon so verdorben (kurzer Griff zum Geldbeutel, nur sicherheitshalber), wahrscheinlich muss er die Beute aber abliefern und wird trotzdem geschlagen, warum schnappen sie nicht mal die großen Fische, schlimm, das. Oder ein Schulschwänzer, sicherlich, der wollte ausreißen, ein Problemkind aus einem Problembezirk in einer Problemstadt, Probleme in der Schule und mit den Eltern, in welchen Zug wollte er wohl einsteigen und schwarzfahren, hoffentlich kümmert man sich um ihn, bevor zum Kleinkriminellen wird, schlimm, das.
Als ich wieder in der Bahnhofshalle stehe, sehe ich durch die dreckigen Fensterscheiben, wie das ungleiche Trio zum Streifenwagen geht. Der Junge läuft unbekümmert nebenher, mit dem leichtfüßigen Gang eines Kindes. Im alten Film taucht plötzlich eine neue Szene auf. Eine Szene von zu vielen Uniformierten in einer kleinen Wohnung, die peinlich berührt den Eltern beim Packen für die längste Reise zuschauen, ein vergitterter grün-weißer Kleinbus auf den Weg zum Flughafen, ein Stempel auf den Dokumenten, die aus einer Duldung eine Abschiebung machen. Ich schüttle den Kopf und suche eilig mein Gleis.
Als ich wenig später am Gate stehe und meinen Blick über das Rollfeld schweifen lasse - ich schwöre, da ist ein grün-weißer Kleinbus durch die Szenerie gefahren.